Sicherheitsmarge: Benjamin Grahams wichtigstes Prinzip erklärt
Was ist die Sicherheitsmarge (Margin of Safety)? Berechnung, Beispiele und warum sie im Value Investing und im Mittelstand so wichtig ist.
Die Sicherheitsmarge, englisch Margin of Safety, ist der Abstand zwischen dem geschätzten inneren Wert eines Unternehmens und dem Kaufpreis. Wer ein Unternehmen, das er auf 10 Millionen Euro schätzt, für 7 Millionen Euro kauft, hat eine Sicherheitsmarge von 30 Prozent. Der Gedanke dahinter ist bescheiden: Weil niemand die Zukunft genau kennt, braucht jede Investition einen Puffer für Irrtümer.
Was ist die Sicherheitsmarge?
Die Sicherheitsmarge ist ein Prinzip des Value Investing. Benjamin Graham widmete ihr das Schlusskapitel seines Buches „The Intelligent Investor“ und beschrieb sie als das zentrale Konzept des Investierens. Die Idee übertrug er aus dem Ingenieurwesen: Eine Brücke, die 10 Tonnen tragen soll, wird für deutlich mehr ausgelegt. Genauso sollte ein Kaufpreis so gewählt sein, dass auch ungünstigere Entwicklungen verkraftbar bleiben.
Wie berechnet man die Sicherheitsmarge?
Die einfache Formel lautet:
Sicherheitsmarge = (innerer Wert − Kaufpreis) ÷ innerer Wert
Ein Beispiel mit gerundeten, frei gewählten Zahlen:
| Annahme | Wert |
|---|---|
| Geschätzter innerer Wert | 10 Mio. € |
| Kaufpreis | 7 Mio. € |
| Sicherheitsmarge | 30 % |
| Wert, falls die Schätzung 20 % zu optimistisch war | 8 Mio. € |
| Verbleibender Puffer | 1 Mio. € über dem Kaufpreis |
Die Rechnung ist einfach. Schwierig ist die Schätzung des inneren Werts, und genau deshalb braucht es den Puffer. Wie Unternehmenswerte im Mittelstand geschätzt werden, erklärt der Beitrag Unternehmensbewertung im Mittelstand.
Woraus entsteht Sicherheit?
Die Sicherheitsmarge wird oft nur als Preisabschlag verstanden. In der Praxis entsteht Sicherheit aus mehreren Quellen:
- Preis: Ein Kaufpreis deutlich unter dem geschätzten Wert.
- Qualität: Ein Unternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen verzeiht Fehler eher. Mehr dazu im Beitrag Burggraben: Wettbewerbsvorteile erkennen.
- Bilanz: Wenig Schulden bedeuten, dass auch schwache Jahre das Unternehmen nicht gefährden.
- Vorsichtige Annahmen: Wer mit realistischen statt optimistischen Planzahlen rechnet, baut zusätzliche Sicherheit ein.
- Kompetenzkreis: Wer ein Geschäftsmodell gut versteht, schätzt seinen Wert genauer.
Warum ist die Sicherheitsmarge im Mittelstand besonders wichtig?
Beim Kauf ganzer Unternehmen ist eine Fehlentscheidung nicht mit einem Verkauf an der Börse korrigierbar. Gleichzeitig hängen Arbeitsplätze und Lebenswerke daran. Drei Punkte machen die Sicherheitsmarge deshalb im Mittelstand noch wichtiger als bei Aktien:
- Konzentration: Eine Beteiligung ist ein großer Teil des Vermögens, nicht eine von hundert Positionen.
- Geringe Liquidität: Ein Unternehmen lässt sich nicht kurzfristig verkaufen, und wer dauerhaft halten will, möchte es auch nicht.
- Verantwortung: Wer mit hohen Schulden kauft, gefährdet bei Rückschlägen nicht nur seine Rendite, sondern das Unternehmen selbst.
Deshalb ist der Verzicht auf riskante Finanzhebel selbst eine Form der Sicherheitsmarge.
Welche Missverständnisse gibt es?
- „Billig ist sicher.“ Ein niedriger Preis kann berechtigt sein, wenn das Geschäft schrumpft. Ohne Qualität hilft der Abschlag wenig.
- „Die Sicherheitsmarge lässt sich exakt berechnen.“ Sie ist eine Haltung, keine Präzisionszahl. Sie hängt an einer Schätzung.
- „Eine hohe Marge garantiert Gewinn.“ Sie verringert das Risiko dauerhafter Verluste, schließt es aber nicht aus.
- „Gute Unternehmen brauchen keine Marge.“ Auch hervorragende Unternehmen können zu teuer gekauft werden.
Wie wir bei Clauss Capital mit Sicherheitsmargen arbeiten
Wir bewerten Unternehmen vorsichtig, auf Basis ihrer nachhaltigen Ertragskraft, und verzichten auf Finanzierungen, die das Unternehmen mit hohen Schulden belasten. Gleichzeitig wollen wir faire Preise zahlen. Die Sicherheit suchen wir deshalb weniger im harten Verhandeln als in der Qualität der Unternehmen und in einer soliden Finanzierung. Mehr dazu auf der Seite für Investoren.
Häufige Fragen
Was bedeutet Margin of Safety auf Deutsch?
Margin of Safety bedeutet Sicherheitsmarge oder Sicherheitspuffer. Gemeint ist der Abstand zwischen dem geschätzten Wert eines Unternehmens und dem gezahlten Preis.
Wie hoch sollte die Sicherheitsmarge sein?
Eine feste Regel gibt es nicht. Je unsicherer die Schätzung und je schwankender das Geschäft, desto größer sollte der Puffer sein. Bei sehr stabilen, gut verständlichen Unternehmen kann ein kleinerer Abschlag genügen.
Wer hat das Prinzip der Sicherheitsmarge geprägt?
Benjamin Graham, der Begründer des Value Investing. Er beschrieb die Sicherheitsmarge in „The Intelligent Investor“ als zentrales Konzept des Investierens; Warren Buffett hat sie immer wieder als einen der wichtigsten Grundsätze bezeichnet.
Gilt die Sicherheitsmarge auch für den Kauf ganzer Unternehmen?
Ja, und dort besonders. Weil eine Unternehmensübernahme groß, schwer rückgängig zu machen und mit Verantwortung für Mitarbeiter verbunden ist, sind vorsichtige Bewertung und solide Finanzierung hier noch wichtiger als bei einzelnen Aktien.
Quellen und weiterführende Literatur
- Benjamin Graham: The Intelligent Investor, 1949, Kapitel „Margin of Safety as the Central Concept of Investment“
- Seth Klarman: Margin of Safety, 1991
- Warren Buffett: Aktionärsbriefe von Berkshire Hathaway, https://www.berkshirehathaway.com/letters/letters.html
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung und kein Angebot zum Erwerb von Beteiligungen dar.